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Rezensionen über die Theateraufführung "Stimmen aus Tschernobyl"

 
Ankuendigung Stimmen aus Tschernobyl

Theateraufführung "Stimmen aus Tschernobyl" nach dem Buch von Swetlana Alexijewitsch "Tschernobyl - eine Chronik der Zukunft" im ehemaligen Frauengefängnis in Berlin- Lichterfelde.

In den folgenden Rezensionen kommt zum Ausdruck, wie das Unfassbare, die Trauer, das Grauen und das ohnmächtige Ausgeliefert- und Gefangensein in der Tschernobyl-Welt in seiner künstlerischen Aufbereitung dem Zuschauer unter die Haut geht und die Herzen berührt.

Die gefangene Wahrheit

Die gefangene Wahrheit setzt Elzbieta Bednarska mit ihrem Ensemble aus Schauspielern, Sängerin und Musikern nach dem Buch von Swetlana Alexijewitsch Stimmen aus Tschernobyl im ehemaligen Frauengefängnis in Lichterfelde in Szene.

In dieser theatralisch-musikalischen Auseinandersetzung mit Alexijewitschs Buch werden die Stimmen der Opfer von Tschernobyl hörbar und das Grauen, das die Atomkraftenthusiasten in ihrer Hybris von der Beherrschbarkeit der Hochrisikotechnologie über die Erde gebracht haben, sichtbar. Die poetische Schönheit der Inszenierung lässt das Grauen der Vernichtung deutlich hervortreten.
Bespielt wurden große Teile des Gefängnisses. Die Zuschauer wurden pantomimisch durch die Räume geführt. Die erste Station war der Lichthof an dessen Mauer ein großer Schriftzug befahl: Sprechen verboten!
Hier sahen wir in einer Zelle im oberen Geschoss eine weißgekleidete Braut am Fenster stehen und in einem Klagegesang trauern. Im nächsten Hof saßen bei bitterer Kälte (Januar) eine weißgekleidete Witwe und eine Braut in einem kleinen Baum und an einem großen weißen Tisch. Sie erzählten vom Tod ihrer Geliebten, die als Feuerwehrmänner und Liquidatoren das atomare Höllenfeuer bekämpft hatten und qualvoll daran starben – und von ihrer Traurigkeit über ein Leben ohne sie. Weiter ging es durch die Gefängniskapelle und die Zellengänge. Hier wurden die Zuschauer in die Zellen geleitet, mehrmals wurden die Türen geschlossen. Die Zuschauer erlebten die Klaustrophobie des Eingeschlossenseins in die Lüge vom beherrschbaren und friedlichen Atom und Radioaktivität.

Musiker, eine Geigerin, ein Trommler und ein Klavierspieler, waren dabei. Die Geigerin saß auf dem Geländer des oberen Zellentraktes virtuos ihr Instrument spielend mit der Leichtigkeit einer Trapezkünstlerin. Vor dem Hintergrund ihres schönen Spiels entfalteten die Erzählungen der Überlebenden das Grauen des Nach-Tschernobyl-Menschen und der -Erde.
Im letzten Raum erzählte der Strahlenschutzexperte, Sebastian Pflugbeil, von seinen Reisen in die verstrahlten Regionen. Er berichtete von der Herzlichkeit und der Gastfreundschaft der Menschen dort, die täglich mit den Folgen des Gaus umgehen müssen. Er stellte auch dar, dass die IAEA gemeinsam mit der WHO eine ungeheure Verharmlosung der Folgen der Katastrophe vertritt, um die Menschen in der vermeintlichen Sicherheit einer beherschbaren Atomtechnologie zu wiegen.
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Tschernobyl - Ein Theaterstück das unter die haut geht

hohe mauern, dunkle gitter, grelle scheinwerfer, kleine zellen – das gefühl eingeschlossen, ausgeliefert zu sein: der alte frauenknast in lichterfelde ist das ambiente für ein theaterstück über was unfassbares, unbegreifliches, unvorstellbares: tschernobyl. Swetlana alexijewitsch hat stimmen, protokolle, alpträume, gefühle der opfer des größten atomunfalls der menschheitsgeschichte gesammelt. Die polnische regisseurin elzbietea bednarska hat mit ihren 15 schauspielerinnen diese stimmen so eindrücklich nahe gebracht, dass die verschüttete vergangenheit der reaktorexplosion und seiner verheerende radioaktiven wolke dem zuschauer unter die haut geht. In (teils zu langen) monologen werden aus den abstrakten zahlen der tausenden toten und der in die hunderttausend gehenden krebsopfer sinnlich spürbare menschliche schicksale in all ihrer verzweifelung, ratlosigkeit und unfassbarkeit über das geschehene. Der zynismus und die lügen der mächtigen, die instrumentalisierung des heldenmythos des sowjetmenschen aus der zeit des grossen vaterländischen krieges auf dem opferaltar des geborstenen reaktors - diese aspekte sind leider nur ein randständiges thema geblieben. Hier hätte ein verweis auf die ähnlich menschenverachtenden aktionen der mächtigen in fukushima auf der hand gelegen. Dem theaterabend ist es gelungen, tschernobyl als menetekel für eine menschenverachtende technologie, die im wahrsten sinne des wortes über leichen geht, wieder aus der kollektiven und individuellen verdrängung hervorzuholen. Der supergau hat eine ganze nation und millionen von einzelschicksalen in ihren grundfesten erschüttert und bleibt eine abgrundtiefe mahnung, die noch sehr zukunftsträchtig ist, weil immer noch neue atomkraftwerke und atomwaffen gebaut werden.
Hauke Benner


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